Donnerstag, 01.05.2014, 11:37 Uhr

Die Ligen von Kreis bis Land sind bunt.

Teil 3: Multikulti lebt

„Multikulti ist tot!“, hieß es vor einigen Jahren in Deutschland. Die Politik, in diesem Fall Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer, hatte gerade den Anlauf für ein kulturelles Nebeneinander für gescheitert und beendet erklärt. Also: Wer in Deutschland leben will, hat sich der deutschen Kultur anzupassen. Integration statt Immigration sei das anzustrebende Ideal. Zustimmendes Nicken der Politiker-Kollegen, Kanzlerin Angela Merkel hatte schließlich schon vorher festgestellt: „Der Ansatz für Multikulti ist gescheitert. Absolut gescheitert.“

Es ist jedoch keine Einbildung, dass es bei Partien mit Beteiligung einer national geprägten, ausländischen Mannschaft, besonders mit Wurzeln in Süd- und Südosteuropa, tendenziell häufiger scheppert als sonst. „Es ist kein Vorurteil, sondern Fakt, dass sich südländische Menschen leichter provozieren lassen“, sagt Mennan und wird in seiner Meinung auch von einigen Trainerkollegen aus Multikulti-Vereinen unterstützt. Von Maciej Gomula zum Beispiel, dem Übungsleiter des Bezirksligisten DSK Köln. Er erkennt bei Südländern häufig ein gesteigertes Ego. „Die Erfahrung zeigt, dass sich einige Spieler einfach nichts sagen lassen. Gerade bei jungen Menschen gibt es bestimmte Worte und Taten, mit denen sich einige leicht aus der Fassung bringen und zu unschönen Sachen hinreißen lassen“, sagt der gebürtige Pole. Unbelehrbare müssen irgendwann gehen, weiß auch Manuel Sanchez, Vorsitzender und Trainer vom B-Kreisligisten Ideal CF Casa Espana, dem ältesten ausländischen Fußballklub Kölns. „Wir haben schon Spieler rausgeworfen, die danach in der Verbandsliga angeheuert haben. Trotzdem weinen wir ihnen keine Träne nach. Wir wollen keinen Stress und distanzieren uns klar von jedem, der das anders sieht.“

Respekt gegenüber dem Gegner, dem Schiedsrichter und den Zuschauern

Eklats wie beim TFC Köln sind beim Ditib Sportklub im Schatten der Ehrenfelder Zentralmoschee unmöglich, ist sich Trainer Gomula sicher. Der Charakter ist bereits bei der Spielersuche ein zentrales Kriterium. „Disziplin steht hier an oberster Stelle. Neuen Spielern werden sofort klare Regeln aufgezeigt, die eingehalten werden müssen, um sich in die Mannschaft zu integrieren. Dazu zählt vor allem der Respekt. Sowohl gegenüber den Gegenspielern, als auch den Mitspielern, Schiedsrichtern und Zuschauern.“ Das hat dem Verein einen guten Ruf verschafft, der nicht nur bei der Suche nach neuen Spielern förderlich ist. „Seit ich hier im Sommer begonnen habe, wurde ich noch nie mit irgendeiner Form von Rassismus oder Diskriminierung konfrontiert. Auf den Straßen von Ehrenfeld läuft vieles falsch. Der DSK versucht dazu beizutragen, das zu ändern. Dafür ist er auch bekannt und wird geschätzt.“

Leider geht es nicht jedem Multikulti-Klub wie dem DSK. Viel zu oft müssen sich Spieler, Trainer und Verantwortliche von internationalen Vereinen als „Kanacken“ beschimpfen lassen oder sie hören Sprüche wie „Geh doch zurück in dein Land“. Während die meisten damit umzugehen wissen und die vernünftige „hier rein, da raus“-Reaktion zeigen, brennen manchen immer wieder die Sicherungen durch. Häufig wird, wenn es daraufhin eskaliert, ohne die Umstände zu hinterfragen, der Multikulti-Klub als Krawall-Klub abgestempelt und sich der bekannten Klischees bedient. Bei Hilal Maroc erschien vor drei Jahren ein Schiedsrichter vor einer Partie in der Kabine und wies die Spieler an, Schlagstöcke und Messer in der Kabine zu lassen. „Ein Tiefpunkt für einen Verein, der sich für Toleranz einsetzt. Wir waren fassungslos.“ Gewisse Vorurteile sind, wenn sie sich erst einmal festgesetzt haben, auch nur schwer aus den Köpfen zu bekommen. In ländlicheren Regionen, so waren sich alle Vertreter der Vereine mit ausländischem Hintergrund einig, hat man als Multikulti-Verein einen deutlich schwereren Stand als in der Stadt. Köln, und auch da herrschte Einigkeit, ist durch seine Offenherzigkeit ein eher angenehmes Pflaster für internationale Fußballklubs. Bestätigt wird diese Vermutung dadurch, dass Multikulti-Vereine in Köln auffällig oft einen hohen Anteil an deutschen Spielern haben. Berührungsängste gibt es in der Millionenstadt am Rhein anscheinend deutlich weniger als andernorts.

David Knauf – statt Mittelrheinliga Freundschaft in der Kreisliga

Als besonderer Fall ist hier David Knauf zu nennen. Der 29-Jährige war in seiner Karriere nicht weit vom Profifußball entfernt, kickte in der Jugend für den 1. FC Köln und war noch vor drei Jahren in der Mittelrheinliga für den VfL Alfter am Ball. Dann entschied sich der Porzer Junge aber bewusst, in die Kreisliga A zum GSV Prometheus Porz zu wechseln. Dort, in seiner Heimat, spielen einige seiner Freunde. Das war dem technisch begnadeten Mittelfeldmotor mehr wert als der deutlich höherklassige Fußball. Inzwischen ist Knauf bei dem Griechenklub zum Kapitän und Aushängeschild geworden, kümmert sich auch um die Öffentlichkeitsarbeit.

In seiner offenen und unverblümten Art verrät er, dass auch er als Repräsentant eines Multikulti-Klubs noch hin und wieder selbst Vorurteile im Kopf hat. „Ich gehe anders in eine Partie gegen den TFC Köln als gegen die SpVgg Flittard“, sagt er. Erfahrungswerte, die Knauf im multikulturellen rechtsrheinischen Stadtteil nicht nur auf dem Spielfeld gesammelt hat, könnte man das nennen. „Manchmal erschrecke ich mich aber selbst, wenn mir solche Gedanken kommen.“ Sein GSV Prometheus wird selbst von Griechen geführt, das Stammlokal ist das Porzer Wettbüro und Café „Fillos“ (griechisch für Freunde). Bei einem Blick auf den Kader ist von den griechisch-zypriotischen Wurzeln des Vereins aber kaum etwas zu erkennen. Gerade einmal ein Spieler ist griechischer Herkunft, der Rest ist eine bunte Mischung aus Russen, Marokkanern, Irakis, Kasachen, Polen, Kroaten und vielen Deutschen.

Dass der Kern der Mannschaft aus deutschen Spielern besteht, sieht Knauf als Vorteil. Ordnung und Disziplin als deutsche Tugenden sind für ihn keine Klischees, sondern immer noch vertreten und geben einer Mannschaft, ob sie grundsätzlich multikulturell aufgestellt ist oder nicht, einen spielerischen Vorteil. Ein Fakt, den auch DSK-Trainer Maciej Gomula sieht und schätzt. „Die deutschen Tugenden sind immer noch vorhanden und wichtig für eine Mannschaft. In der Nationalmannschaft und der Bundesliga verschleiern diese Tugenden heute teilweise hinter spielerischem Glanz. Bestehen tun sie aber weiterhin. Diese Eigenschaften besitzen aber auch viele unserer Spieler, die zwar Migrationswurzeln haben, aber in Deutschland aufgewachsen sind.“ Robert Buzona, Trainer vom HNK Croatia, spricht in diesem Zusammenhang immer liebevoll von seinen „Kölsch-Kroaten“.

Schon die „Platzsprache Deutsch“, auf die alle Multikulti-Vereine setzen, trägt zur Integration bei. Das Erlernen der Landessprache zählt schließlich zu den Grundvoraussetzungen für eine gelungene Eingemeindung und für ein Miteinander und Nebeneinander in der Gesellschaft. Das Abkapseln von der Gesellschaft wird auch verringert, weil in der Atmosphäre von Amateurvereinen das Beisammensein nach dem Verlassen der Kabine nicht beendet ist. Bei Prometheus Porz wird auch außerhalb der Trainings- und Spieltage viel gemeinsam unternommen. Man trifft sich, trinkt ein Kölsch zusammen und geht gemeinsam feiern. Das soziale Umfeld geht so ineinander über, ohne die Migranten und Migrantenkinder gleich komplett eindeutschen zu wollen. Ein solcher Versuch würde ohnehin scheitern, ist HNK-Coach Buzona überzeugt: „Ein Rottweiler wird nie zum Pekinesen. Wir werden immer ein Stück weit Kroaten bleiben und sind stolz darauf.“

Gemeinschaftsgefühl als Geheimrezept

Das Gemeinschaftsgefühl ist laut David Knauf das Geheimrezept des Erfolgs vom GSV. „Vergleicht man unser spielerisches Material zum Beispiel mit dem der Sportvereinigung Porz, scheint es unmöglich, dass wir mithalten können. Prometheus ist alternativ.“ Trotz des teilweise „deutschen Charakters“ ist es dem Verein wichtig, die griechischen Wurzeln nicht zu vergessen und die griechische Fahne hochzuhalten. Er selbst hatte vor seinem Engagement keinen Bezug zu „Hellas“. Inzwischen kann er – wenn auch nur in Bruchstücken – etwas griechisch und hat sich mit dem Land intensiv auseinandergesetzt. Als griechischer Klub, glaubt David Knauf, hat man es jedoch auch leichter als ein türkischer.

Die Türken stellen mit großem Abstand die größte ethnische Gruppe in Deutschland. Das hat bei vielen zu einem besonders negativen Bild dieser Minderheit geführt. Ein Türke wird häufig als Stereotyp für den Migranten genommen, der sich nicht anpassen will, lieber in der Gesellschaft anderer Türken und Migrantenkinder bleibt und von Integration nichts hält. Auch das ist auf dem Land stärker ausgeprägt als in der Stadt. „Meine Großeltern wohnen in einem 2.000-Seelen-Dorf im Saarland. Dort ist vor drei Jahren ein Türke eingezogen. Der ist bis heute das Thema Nummer eins“, erzählt David Knauf. Dieses Vorurteil überträgt sich nahtlos auf den Amateurfußball, in dem türkische Vereine häufig einen schlechteren Ruf genießen als Multikulti-Vereine mit anderen ethnischen Wurzeln.

Deutlich einfacher haben es da beispielsweise die Spanier. Das weiß auch Manuel Sanchez von Casa Espana. „Als Urlaubsland und Fußballnation bekannt, genießt Spanien in Deutschland einen guten Ruf.“ Dieser Ruf, gepaart mit der großen Tradition des 1967 gegründeten Vereins und der günstigen Lage zwischen Lindenthal und Ehrenfeld, sorgt für einen Zulauf, der kaum noch zu bewältigen ist. Anders als beim TFC Köln. Um als türkischer Klub den schlechten Ruf loszuwerden, bedarf es besonderer Anstrengung. Dabei kann der Fußball, wie das Vorbild aus Nationalmannschaft und Bundesliga zeigt, eine große Rolle spielen. „Das Tolle ist, dass im Fußball überall die gleichen Regeln gelten. Wer sich diesen anpasst, hat schon einen großen Schritt in Richtung Integration getan“, sagt DSK-Trainer Gomula. Dabei, so meint der Pole, ist ein ebenfalls ausländischer Trainer nicht unbedingt von Nachteil. Er weiß von den Problemen, die Migranten in Deutschland haben, kann sich in die Gefühlslage hineinversetzen und so besser zur Integration beitragen.

Juden und Moslems als beste Freunde: Makkabi chai!

Dass ein ausländischer Trainer nicht aus dem Land stammt, dessen Wurzeln sich der Klub verschrieben hat, ist eine Seltenheit. Noch spannender als beim DSK ist die Konstellation beim D-Ligisten TuS Makkabi Köln. Die Fußballabteilung des jüdischen Vereins, die lange Zeit brachlag, wurde letztes Jahr mit einem muslimischen Trainer wiederbelebt. Jasmin Muhovic, Personal Trainer und Leiter einer Fußballschule in Düsseldorf, ist eigentlich kein Mann für die Kreisliga D. Doch sein alter Freund Ben Rajczyk, der der Fußballabteilung wieder Leben einhauchte, konnte ihn mit der Idee, die hinter dem TuS Makkabi steckt, begeistern und für sich gewinnen. So wurde nicht nur ein kompetenter Übungsleiter an Land gezogen, sondern auch ein Zeichen gesetzt: Muslime und Juden, die sich in so vielen Regionen der Welt spinnefeind sind, stehen Seite an Seite auf und neben dem Platz.

So bunt wie diese Kombination ist auch die Mannschaft des TuS. Deutsche, Israelis, Polen, Russen, Kasachen, Italiener, Iraner, Türken, Afrikaner – eine gemischte Tüte aus Nationalitäten verschiedenster Kontinente bildet eine eingeschworene Truppe. Über kurz oder lang soll diese nicht mehr die unterste Spielklasse Kölns unsicher machen. Muhovic ist selbst durch einen bosnischen, muslimischen Vater und eine serbische Mutter serbisch-orthodoxen Glaubens interkulturell aufgewachsen. „Wir wollen ein positives Beispiel dafür sein, dass es anders geht als im Gaza-Streifen. Hier spielen viele Menschen mit politisch und gesellschaftlich unterschiedlichsten Ansichten zusammen. Sie sind trotzdem gute Freunde und haben Spaß zusammen“, sagt Jasmin Muhovic, Bruder des Drittliga-Profis Zlatko Muhovic von Jahn Regensburg. „Makkabi chai!“ steht als Motto auf der Homepage des TuS, dem viertgrößten jüdischen Sportverein Deutschlands. Übersetzt aus dem Hebräischen bedeutet es: „Makkabi lebt!“

Multikulti-Vereine sind eine Bereicherung für den Fußball. Sie fördern die Integration von Sportlern mit Migrationshintergrund, teils mit sozialen Projekten, meist einfach nur durch Gemeinschaft und Wettkampf. Denn der Fußball schult durch seine immer gleichen Regeln von allein das Verhalten, dass sich in die Gesellschaft überträgt. Ein Anteil an deutschen Spielern fördert das Erlernen von Sprache und Kultur. Wichtig ist, dass Vorsitzende, Trainer und Mitspieler vorleben, wie es geht. Es entwickelt sich ein soziales Umfeld, das unmöglich nur aus Menschen der eigenen Kultur bestehen kann. Das gilt auch für die Deutschen im Verein. Der Umgang mit Mannschaftskollegen unterschiedlichster Länder schafft Toleranz und räumt mit Vorurteilen auf. Die Hilal Marocs, Makkabis, Casa Espanas und Croatias prägen Fußball, Sport und Gesellschaft, fördern Integration und Toleranz. Auch ganz ohne den typisch deutschen Fußballklub als Vorbild zu nehmen. Miteinander und Nebeneinander: Auf dem Platz ist beides möglich. Weil die Fußballkultur ein Spiegel der Gesellschaft ist, gilt auch abseits des Rasens: Multikulti lebt!



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