Entwicklungsgeschichte der Libellen
Wenn ich am Teich sitze und eine Libelle beobachte, denke ich manchmal daran, dass Insekten wie diese bereits durch die Urwälder flogen, als es noch keine Dinosaurier gab. Libellen gehören zu den ältesten fliegenden Insekten der Erde - ihre Geschichte reicht über 300 Millionen Jahre zurück.
Ein Blick in die Erdgeschichte
Um die Geschichte der Libellen zu verstehen, müssen wir weit in die Vergangenheit reisen. Die ersten libellenartigen Insekten segelten vor etwa 320 Millionen Jahren durch die Sumpfwälder des Oberkarbons. Zu dieser Zeit gab es weder Dinosaurier noch Säugetiere - die Erde sah völlig anders aus als heute.
Seit etwa 200 Millionen Jahren, also seit der Jura-Zeit, hat sich das grundlegende Aussehen der Libellen kaum mehr verändert. Der Mensch betrat die Bühne erst sehr viel später: Der Neandertaler lebte vor etwa 100.000 Jahren. Libellen sind also um ein Vielfaches älter als die gesamte Menschheit!
Riesenlibellen der Urzeit
Die urzeitlichen Vorfahren unserer heutigen Libellen waren zum Teil deutlich größer als ihre modernen Nachkommen. Die größte bekannte Art, Meganeura monyi, erreichte eine Flügelspannweite von etwa 70 Zentimetern - größer als viele Vögel heute. Diese Riesenlibellen konnten in der sauerstoffreichen Atmosphäre des Karbons existieren, die das Wachstum von Insekten begünstigte.
Die Erforschung fossiler Libellen
Die wissenschaftliche Erforschung fossiler Libellen begann etwa 100 Jahre später als die Untersuchung der heute lebenden Arten. Während Carl von Linné bereits 1758 die ersten Libellenarten beschrieb, war es der englische Naturforscher Westwood, der 1854 die ersten fossilen Libellengattungen bestimmte.
Die Arbeit mit fossilen Libellen ist deutlich schwieriger als mit lebenden Exemplaren. Ein lebendes Tier kann man von allen Seiten betrachten, untersuchen und vermessen. Ein Fossil hingegen ist im Gestein eingeschlossen, oft verzerrt durch tektonische Bewegungen oder so versteinert, dass einzelne Körperteile übereinander liegen. Wissenschaftler müssen mit speziellen Mikroskopen und bestimmten Lichtarten arbeiten, um beispielsweise die feinen Flügeladern sichtbar zu machen.
Warum überlebten Libellen, während Dinosaurier ausstarben?
Diese Frage beschäftigt mich seit meiner Jugend. Die Libellen haben alle großen Massenaussterben der Erdgeschichte überstanden, einschließlich des Ereignisses vor 66 Millionen Jahren, das die Dinosaurier auslöschte. Wie war das möglich?
Die Erklärung liegt in mehreren Faktoren:
- Geringe Größe: Obwohl urzeitliche Libellen größer waren als heutige, blieben sie im Vergleich zu Dinosauriern winzig. Sie brauchten daher viel weniger Nahrung zum Überleben.
- Zweigeteilter Lebensraum: Libellen verbringen ihr Larvenstadium im Wasser und ihr Erwachsenenleben in der Luft. Diese Flexibilität schützte sie vor Umweltveränderungen, die nur einen Lebensraum betrafen.
- Flugfähigkeit: Als fliegende Insekten konnten Libellen schnell neue Gebiete besiedeln. Selbst heute noch überqueren manche Arten mit Hilfe des Windes ganze Ozeane - vereinzelt wurden nordamerikanische Libellen auf den Britischen Inseln gefunden.
- Anpassungsfähigkeit: Libellen fanden ihre ökologische Nische und behaupteten sie erfolgreich. Wie Charles Darwin es formulierte: Jede Art kann nur überleben, wenn sie ihre eigene Überlebensnische gefunden hat.
Lebende Fossilien?
Man könnte Libellen als "lebende Fossilien" bezeichnen, doch das wäre nicht ganz korrekt. Zwar hat sich das Grundprinzip der Libelle seit 200 Millionen Jahren kaum verändert, doch die Evolution hat durchaus stattgefunden. Die heutigen Arten unterscheiden sich in vielen Details von ihren urzeitlichen Vorfahren - sie haben sich an ihre jeweiligen Lebensräume angepasst und spezialisiert.
Wenn Sie das nächste Mal eine Libelle über einen Teich schweben sehen, bedenken Sie: Sie beobachten ein Erfolgsmodell der Evolution, das sich über Hunderte von Millionen Jahren bewährt hat.