Der Kopf der Libelle
Wenn Sie einer Libelle ins Gesicht schauen, werden Sie sofort bemerken, was dieses Tier so besonders macht: Die gewaltigen Komplexaugen dominieren den gesamten Kopf. In meinen Jahrzehnten der Beobachtung hat mich dieser Anblick nie langweilig werden lassen – denn diese Augen sind wahre Wunderwerke der Natur.
Die Komplexaugen – Meisterwerke der Evolution
Die zwei großen Komplexaugen beherrschen den Libellenkopf. Bei den meisten Großlibellen berühren sich beide Augen in der Kopfmitte, während sie bei Kleinlibellen und einigen wenigen Großlibellenarten getrennt sind – ein gutes Unterscheidungsmerkmal, wenn Sie eine Libelle bestimmen möchten.
Ein einzelnes Komplexauge kann aus bis zu 30.000 Einzelaugen (Ommatidien) bestehen. Jedes dieser Einzelaugen hat eine bienenwabenförmige, sechseckige Form und besitzt seine eigene, starre Linse. Diese Konstruktion ermöglicht ein nahezu vollständiges Rundumblick – der einzige „blinde Fleck" liegt direkt hinter dem Kopf.
Fernsicht und Nahsicht
Der obere Teil des Komplexauges eignet sich besonders für das Fernsehen, während der untere Teil für das Nahsehen optimiert ist. Bewegungen können aus Entfernungen von bis zu 40 Metern wahrgenommen werden – eine beeindruckende Leistung für ein so kleines Tier.
175 Bilder pro Sekunde
Besonders faszinierend finde ich die Bildwiederholrate: Das Sehbild einer Libelle wird 175 Mal pro Sekunde neu aufgebaut, beim Menschen sind es nur etwa 20 Mal. Ein Kinofilm würde für eine Libelle also als langsame Aneinanderreihung einzelner Bilder erscheinen – was für uns flüssige Bewegung ist, wäre für sie eine Diashow.
Die Ocellen – drei rätselhafte Punktaugen
Zwischen den beiden Komplexaugen befinden sich vorn drei punktförmige Einzelaugen, die Ocellen. Ihre genaue Funktion ist unter Wissenschaftlern noch nicht restlos geklärt. Die meisten Autoren gehen davon aus, dass sie der Hell-Dunkel-Wahrnehmung dienen und dem Tier helfen, seine Lage im Raum zu bestimmen.
Eine interessante Theorie besagt, dass besonders die Weibchen die Ocellen nutzen könnten, um zu erkennen, ob das Männchen, von dem sie gerade ergriffen wurden, auch tatsächlich der gleichen Art angehört. Falls ja, lässt sie sich auf eine Paarung ein – andernfalls verhält sie sich starr, und das Männchen löst seinen Griff.
Die Fühler – Geschwindigkeitsmesser im Wind
In der Nähe der Ocellen befinden sich zwei kurze Fühler (Antennen). Sie sind bei Libellen vergleichsweise unscheinbar, erfüllen aber eine wichtige Funktion: Durch die Verformung der Fühler im Luftstrom misst die Libelle ihre Fluggeschwindigkeit – eine Art biologischer Fahrtmesser.
Die Mundwerkzeuge – Werkzeuge eines Jägers
Der vordere untere Teil des Kopfes wird durch die Mundwerkzeuge beherrscht. Als Räuber benötigt die Libelle ein effektives Werkzeug zum Zerkleinern ihrer Beute – und genau das bieten diese kräftigen Strukturen:
- Oberlippe (Labrum): Begrenzt den Mundraum nach oben
- Oberkiefer (Mandibeln): Starke, mit je einem kräftigen Zahn besetzte Werkzeuge, die die Beute grob zerteilen
- Unterkiefer (Maxillen): Stark bedornt, zerteilen die Beute fein
- Unterlippe (Labium): Schiebt heruntergerutschte Nahrung wieder in Richtung Kiefer
Der bewegliche „Hals"
Der Kopf ist mit dem Brustabschnitt nur über ein sehr dünnes, bewegliches Körperteil verbunden – man könnte es als „Hals" bezeichnen. Diese Konstruktion ist so flexibel, dass die Augen im Flug stets waagerecht liegen, selbst wenn die Libelle eine sehr enge Kurve fliegt und dabei die Flügel fast senkrecht stehen. So behält das Tier immer den optimalen Überblick über seine Umgebung.
Unterscheidung: Groß- und Kleinlibellen
Wenn Sie wissen möchten, ob Sie eine Groß- oder Kleinlibelle vor sich haben, schauen Sie ihr ins Gesicht: Bei Großlibellen stoßen die Komplexaugen meist zusammen oder berühren sich zumindest an einem Punkt. Bei Kleinlibellen sind die Augen durch einen deutlichen Abstand getrennt – das Gesicht wirkt dadurch breiter.