Die Brust der Libelle – Thorax
Die Brust ist das Kraftzentrum der Libelle. Hier sitzen die mächtigen Flugmuskeln, hier sind Flügel und Beine verankert. Wenn Sie beobachten, wie eine Libelle scheinbar mühelos in der Luft steht, plötzlich lossprintet oder in atemberaubenden Manövern ihre Beute jagt – dann sehen Sie das Ergebnis einer über 300 Millionen Jahre währenden Evolution.
Die drei Brustabschnitte
Die Brust (Thorax) besteht aus drei verschiedenen Abschnitten:
Vorderbrust (Prothorax)
An der Vorderbrust befindet sich das erste Beinpaar. Bei den Weibchen der Kleinlibellen liegt hier außerdem das Widerlager für die Haltezangen des Männchens bei der Paarung. Dieses Widerlager ist, wie auch die Haltezangen des Männchens, von Art zu Art verschieden – man spricht von einem „Schlüssel-Schloss-System", das verhindert, dass sich artfremde Tiere paaren.
Mittelbrust (Mesothorax) und Hinterbrust (Metathorax)
Diese beiden Abschnitte sind zu einem starken Block zusammengewachsen und tragen je ein Bein- und ein Flügelpaar. Beide Brustabschnitte liegen – anders als bei anderen Insektenordnungen – schräg nach unten geneigt.
Warum diese ungewöhnliche Anordnung? Man nimmt an, dass durch diese Konstruktion die Kraft, die beim Fangen eines Beutetieres mit den Beinen entsteht, optimal nach schräg oben abgeleitet wird. Die Libelle kann ihre Beute so sicher festhalten, ohne aus dem Gleichgewicht zu geraten.
Die Flugmuskulatur – ein Kraftpaket
In den zusammengewachsenen Brustabschnitten sitzen die mächtigen Flugmuskeln. Diese Muskeln sind zwar von relativ einfacher Bauweise und dienen hauptsächlich dem Auf- und Abbewegen der Flügel – doch durch ausgeklügelte Zusatzgelenke können fast alle denkbaren Bewegungen ausgeführt werden.
Das Ergebnis dieser Konstruktion ist beeindruckend. Libellen können:
- Regungslos in der Luft stehen (Schwirrflug)
- Fast aus dem Stand auf ihre Höchstgeschwindigkeit beschleunigen
- Unvermittelt abbremsen
- Mit hoher Geschwindigkeit engste Kurven fliegen
- Kurze Strecken rückwärts fliegen
Unhörbar durch die Luft
Die Flügelschlagfrequenz beträgt nur etwa 30 Schläge pro Sekunde. Das ist so langsam, dass ein Mensch den Flügelschlag nicht hören kann – im Gegensatz zum Sirren einer Mücke, die ihre Flügel etwa 200 Mal pro Sekunde bewegt.
Die Flügel – Hightech aus der Urzeit
Die Flügel selbst sind Meisterwerke der Ingenieurskunst. Sie bestehen aus verschiedenen Längsadern, die über Queradern miteinander verbunden sind. Zwischen den Adern liegen durchsichtige, pergamentartige Membranen.
Stabiler als sie aussehen
Der gesamte Flügel ist nicht eben, sondern zickzackartig gegeneinander abgewinkelt – wie ein gefaltetes Blatt Papier. Dadurch erhält der Flügel eine größere Steifheit. Außerdem fanden Forscher heraus, dass die einzelnen Adern nicht nur starr verbunden sind: Es gibt auch bewegliche Verbindungen, die den Flügeln eine gewisse Elastizität verleihen.
Flügelmal (Pterostigma)
In der Flügelspitze befindet sich je eine besondere, dunkel gefärbte Membranzelle – das Flügelmal. Es verhindert als eine Art Unwucht beim schnellen Flug ein unkontrolliertes Flügelflattern. Ein kleines Detail mit großer Wirkung.
Der Knoten (Nodus)
In der Mitte der jeweiligen Flügelvorderkante befindet sich eine spezielle Verdickung, der Knoten. Er trägt sehr zur Steifheit bei und verhindert unerwünschte Verformungen.
Lotuseffekt
Die Flügelmembran ist mit einer hauchdünnen Wachsschicht überzogen. Diese sorgt für einen Selbstreinigungseffekt – den sogenannten „Lotuseffekt" – der dafür sorgt, dass sich Staubpartikel auf den Flügeln nicht festsetzen können.
Die Beine – zum Laufen ungeeignet
Die Libelle besitzt, wie alle Insekten, sechs Beine. Diese sind aus mehreren Hauptteilen aufgebaut: Hüfte (Coxa), Schenkelring (Trochanter), Schenkel (Femur), Schiene (Tibia) und Fuß (Tarsus) mit je zwei Krallen.
Läufer sind sie nicht
Hier liegt ein Kuriosum vor: Die Beine dienen nur bei den Larven als Schreitbeine. Das erwachsene Tier kann damit nicht laufen. Bei der Imago dienen die Beine nur zum:
- Halten im Sitzen (Ansitzen auf Pflanzenstängeln)
- Unterstützung bei der Paarung
- Beutegreifen im Flug
Der Fangkorb
Die Beine bilden mit der Brust im Flug einen Fangkorb, mit dem die Beute gefangen wird. Durch die starke Bedornung der Beine wird verhindert, dass die gefangene Beute diesem Korb wieder entfliehen kann.
Der Augenputzer
Eine weitere Besonderheit: Das erste Beinpaar besitzt an den Seiten Kammdornen. Mit ihnen kann die Libelle ihre Komplexaugen putzen – ganz so wie ein Scheibenwischer.