Die Libellenlarve
Die Larve ist das verborgene Kapitel im Leben einer Libelle. Während wir die erwachsenen Tiere an sonnigen Tagen elegant über Gewässern fliegen sehen, verbringen sie den weitaus größten Teil ihres Lebens unter der Wasseroberfläche. In meinen Jahrzehnten als Libellenbeobachter hat mich dieses versteckte Larvenleben immer wieder fasziniert.
Von der Prolarve zur Larve
Aus dem Ei schlüpft nach wenigen Wochen - manchmal auch erst im folgenden Frühjahr - die sogenannte Prolarve. Kleinlibellenlarven sprengen die Eihülle mit dem Kopf, während Großlibellenlarven sie mit einem speziellen Eizahn aufschneiden, einer Art winziger Rasierklinge.
Das Erstaunliche: Das Prolarvenstadium dauert meist nur wenige Sekunden. Sobald die Prolarve mit Wasser in Berührung kommt, häutet sie sich sofort zur eigentlichen Larve. Einige Arten, wie die Gemeine Weidenjungfer, haben eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt: Ihre Prolarven können sich hüpfend zum Wasser bewegen, wenn sie an Land schlüpfen. Andere Arten haben dieses Talent nicht - sie sterben manchmal nur wenige Millimeter vom rettenden Wasser entfernt.
Das Aussehen der Larve
Mit der eleganten erwachsenen Libelle hat die frisch geschlüpfte Larve wenig Gemeinsamkeit. Sie besitzt zwar bereits ein zehngliedriges Abdomen, doch Flügel fehlen ihr zunächst völlig. Da auch die Larve von einem nicht mitwachsenden Chitinpanzer umgeben ist, muss sie sich während ihres Wachstums zwischen 7 und 15 Mal häuten. Mit jeder Häutung werden die Flügeltaschen etwas größer - doch sie erreichen niemals auch nur annähernd die Größe der späteren Flügel.
Die einzigartige Fangmaske
Die Larve ist, genau wie die erwachsene Libelle, ein Fleischfresser. Doch während die Imago ihre Beute im Flug erjagt, ist die Larve ein Ansitzjäger. Sie wartet geduldig, bis sich ein Beutetier genau vor ihrem Kopf befindet.
Für den Beutefang hat die Libellenlarve ein Werkzeug entwickelt, das in der gesamten Tierwelt einzigartig ist: die Fangmaske. Diese umgebaute Unterlippe schnellt innerhalb von nur 20 Millisekunden (0,02 Sekunden!) nach vorne, greift die Beute mit zwei kräftigen, beweglichen Zähnen und zieht sie zum Mund zurück.
Stellen Sie sich das bei einem Menschen so vor: Die Oberarme liegen auf der Brust, die Hände befinden sich vor dem Mund. Plötzlich strecken sich die Arme blitzschnell, die Hände greifen zu, und die Beute wird zum Mund zurückgezogen. Diese Methode ist so effektiv, dass Libellenlarven sogar kleine Fische und Kaulquappen erbeuten können.
Klein- und Großlibellenlarven unterscheiden
Die Unterscheidung zwischen Klein- und Großlibellenlarven ist überraschend einfach, wenn Sie wissen, worauf Sie achten müssen: Schauen Sie auf die Hinterleibsanhänge, die sogenannten Procte.
- Kleinlibellenlarven haben große, blattförmige Procte, die wie kleine Ruder aussehen.
- Großlibellenlarven haben kurze, spitze Procte.
Die blattförmigen Procte der Kleinlibellenlarven dienen übrigens nicht nur der Atmung, wie man früher annahm. Sie können bei Gefahr abgeworfen werden und wachsen später nach - ähnlich wie der Schwanz einer Eidechse.
Atmung unter Wasser
Die Sauerstoffaufnahme erfolgt über die Kiemenkammer, einen spezialisierten Teil des Enddarms. Dieser ist mit vielen Hautfältchen ausgekleidet, in die verzweigte Luftröhren (Tracheen) münden. Das Wasser wird ständig ein- und ausgesogen, wobei der Sauerstoff herausgefiltert wird.
Großlibellenlarven haben aus dieser Atmungstechnik eine clevere Fluchtmethode entwickelt: Bei Gefahr können sie das Wasser blitzartig ausstoßen und sich durch den Rückstoß ein gutes Stück vorwärts katapultieren. Ein Düsenantrieb im Miniaturformat!
Die Dauer der Larvenzeit
Je nach Art dauert das Larvenstadium zwischen 40 Tagen und 5 Jahren. Kleine Heidelibellen können sich innerhalb eines Sommers entwickeln, während die Larven größerer Arten wie der Großen Königslibelle mehrere Jahre unter Wasser verbringen.
In meiner Jugend habe ich einmal versucht, Libellenlarven im Aquarium aufzuziehen. Die Geduld, die dafür nötig ist, hat mich gelehrt, wie viel Zeit die Natur sich für diese Entwicklung nimmt.
Kurz vor dem Schlupf
Wenn die Zeit für die letzte Häutung gekommen ist, verändert sich die Larve sichtbar. Sie bewegt sich zum Ufer und näher an die Wasseroberfläche, stellt die Nahrungsaufnahme ein, und durch den Chitinpanzer schimmert bereits die endgültige Färbung der erwachsenen Libelle. Die Flügeladern werden deutlich sichtbar, und die Atmung stellt sich auf Luftsauerstoff um.
Schließlich, meist in den frühen Morgenstunden, klettert die Larve aus dem Wasser, verankert ihre Füße fest im Untergrund - und der Schlupf kann beginnen.
Weiterführende Literatur
Wenn Sie sich intensiver mit Libellenlarven beschäftigen möchten, empfehle ich Ihnen das Standardwerk von Heidemann & Seidenbusch: "Die Libellenlarven Deutschlands und Frankreichs". Es ist besonders für Exuviensammler - also jene, die die zurückgelassenen Larvenhüllen sammeln und bestimmen - unverzichtbar.