Der Schlupf der Libelle
Eines Morgens, nachdem sich die Larve schon einige Tage dicht an der Wasseroberfläche aufgehalten hat, verlässt sie das Wasser, um sich ein letztes Mal zu häuten - und zur fliegenden Libelle zu werden. Dieser Moment gehört für mich zu den bewegendsten Erlebnissen, die man in der Natur beobachten kann.
Der Schlupfvorgang Schritt für Schritt
Phase 1: Die Larve verlässt das Wasser
Die Larve klettert aus dem Wasser, um ihr Schlupfsubstrat zu erreichen. Oft ist es ein Halm einer größeren Pflanze wie Schilf, Segge oder Brennnessel. Manche Arten erklimmen senkrechte Wände wie Brückenmauern, andere schlüpfen auf Steinen, die nur wenig aus dem Wasser ragen.
Phase 2: Die Haut reißt auf
Nachdem die Larve ihren Schlupfort erreicht hat, krallt sie ihre Zehen fest in den Untergrund. Sie erhöht den Körperinnendruck, und bald reißt die Larvenhaut auf: zuerst an den Augen, später senkrecht dazu entlang des Rückens bis etwa zur Mitte der Flügelscheiden.
Phase 3: Das Herausarbeiten
Das Tier braucht einige Zeit, um sich aus der Larvenhaut zu befreien. Seine Muskeln sind noch schlaff. Deshalb biegt sich das Tier während des Schlupfvorganges nach unten weg, während sich durch die Erhöhung des Innendruckes der Körper weiter ausdehnt.
Phase 4: Die kritische Wende
Bis zu einem bestimmten Augenblick schiebt sich das Tier weiter aus der Larvenhaut. Dann scheint der Schlupfvorgang zu pausieren. Doch die Libelle ruht sich nicht aus - sie trocknet und stärkt ihre Muskeln. Dann schnellt der Körper plötzlich nach oben, und die Zehen verhaken sich im Substrat oder in der halbleeren Larvenhaut. Der Rest des Hinterleibs wird herausgezogen.
Phase 5: Die frisch geschlüpfte Libelle
Endlich ist die Libelle geschlüpft. Noch hat sie wenig Ähnlichkeit mit den uns bekannten fliegenden Tieren. Der Hinterleib ist noch kurz, die Flügel sind nur zu erahnen, die Libelle wirkt noch sehr plump. Nur die Augen, die Brust und die Beine haben ihre endgültige Form.
Phase 6: Die Flügel entfalten sich
Nun beginnt das Aushärten. Zuerst werden die Adern der Flügel mit der Hämolymphe (dem "Blut") versorgt. Haben die Flügel ihre Endgröße erreicht, gelangt das "Blut" in den Körper zurück und hilft beim Aufpumpen des Hinterleibs.
Phase 7: Positionswechsel
Sobald der Körper einigermaßen ausgehärtet ist, kann die Libelle bereits klettern. Oft muss sie ihre Position ändern, weil ihr Schlupfort nun im Schatten liegt. Um schnell auszuhärten, ist die Libelle auf direkte Sonnenstrahlung angewiesen. Hat der Körper seine endgültige Gestalt erreicht, wird das überflüssige "Blut" abgegeben - meist als ein oder zwei Tropfen aus dem Darm.
Phase 8: Flugbereit
Endlich ist die Libelle ausgehärtet. Sie hat ihre endgültige Gestalt, nur die Farben sind noch matt und die Flügel glänzen noch. Aber die Libelle macht sich bereit für den ersten Flug ihres Lebens. Zurück bleibt die leere Larvenhaut - die Exuvie.
Unterschiedliche Schlupfstrategien
So verschieden wie die Libellenfamilien sind auch deren Schlupfstrategien:
- Edellibellen, Quelljungfern und Segellibellen: An senkrechten Objekten, meist an Pflanzenstängeln; die halb geschlüpfte Imago hängt mit dem Kopf nach unten
- Prachtlibellen: Senkrecht, schräg oder waagerecht mit Rücken nach unten; die halb geschlüpfte Imago zeigt schräg nach oben oder waagerecht
- Binsenjungfern, Federlibellen und Azurjungfern: Senkrecht; die halb geschlüpfte Imago zeigt schräg nach oben
- Flussjungfern: Waagerecht mit Rücken nach oben; die halb geschlüpfte Imago zeigt schräg nach oben
Beobachtungstipps
Der erste warme Sonnentag nach einer längeren Schlechtwetterperiode ist die beste Zeit, um den Schlupf zu beobachten. Die Larven haben diesen Tag lange erwartet und klettern in großer Zahl aus dem Wasser. Nicht selten kommt es dabei zu einem Massenschlupf, bei dem dutzende, manchmal hunderte Libellen gleichzeitig schlüpfen.
Bei der Blaugrünen Mosaikjungfer habe ich einige meiner eindrucksvollsten Schlupfbeobachtungen gemacht - der gesamte Vorgang dauert etwa zwei Stunden und ist jedes Mal aufs Neue faszinierend.