Das Libellenei
Libelleneier sind im Verhältnis zur Größe der ausgewachsenen Tiere erstaunlich klein. In meinen frühen Jahren als Libellenbeobachter habe ich sie lange Zeit übersehen - kein Wunder, denn sie messen gerade einmal einen halben Millimeter. Doch wer einmal genauer hinschaut, entdeckt eine faszinierende Welt der Embryonalentwicklung.
Größe und Form der Eier
Die Maße von Libelleneiern liegen zwischen 480 × 230 µm bei der kleinsten bekannten Art (Nannophya pygmaea aus Japan) und 700 × 600 µm bei der größten Art (Anotogaster sieboldii, ebenfalls Japan). Zum Vergleich: Ein menschliches Haar ist etwa 70 µm dick - Libelleneier sind also kaum größer als die Breite eines Haares.
Die Form der Eier hängt eng mit der Eiablage-Strategie der jeweiligen Art zusammen:
- Längliche Eier bei Arten, die ihre Eier in Pflanzengewebe einstechen (endophytische Eiablage), wie etwa die Gemeine Binsenjungfer
- Rundliche Eier bei Arten, die ihre Eier im Flug abwerfen (exophytische Eiablage), wie die Gemeine Keiljungfer
Entwicklung im Ei
Im Ei vollzieht sich die erste Entwicklungsphase der Libelle. Schon bald werden die Augen des Embryos sichtbar. Bei Arten mit endophytischer Eiablage liegt der Embryo anfangs verkehrt herum im Ei - der Kopf zeigt nach innen, also in die Pflanze hinein. Ein Schlüpfen in dieser Position wäre unmöglich.
Deshalb dreht sich der Embryo innerhalb einiger Wochen, sodass er mit dem Kopf voran schlüpfen kann. Diese Drehbewegung ist einer der vielen kleinen Wunder, die mich auch nach über 50 Jahren Beobachtung noch faszinieren.
Überwinterungsstrategien
Der Zeitpunkt, wann die Larve aus dem Ei schlüpft, variiert stark zwischen den Arten:
Schnelle Entwicklung
Bei einigen Arten schlüpfen die Larven noch im selben Jahr, entwickeln sich weiter und werden im gleichen Jahr zur fliegenden Libelle.
Überwinterung als Larve
Bei Arten der Familie Schlanklibellen (Coenagrionidae) schlüpfen die Larven noch im Herbst, überwintern dann aber im Larvenstadium und verwandeln sich erst im nächsten Frühjahr.
Überwinterung im Ei
Bei Binsenjungfern (Lestes) und Heidelibellen (Sympetrum) überwintert der Embryo im Ei und schlüpft erst im Frühjahr sehr schnell als Prolarve.
Mehrjährige Eiphase
Bei der Gattung Quelljungfern (Cordulegaster) überwintert der Embryo in einer Phase noch vor der Drehbewegung. Die Prolarve schlüpft dann erst im übernächsten Jahr - eine bemerkenswerte Anpassung an kühle Quellhabitate.
Beobachtungstipp
Libelleneier direkt zu beobachten ist schwierig, aber nicht unmöglich. Achten Sie bei der Eiablage auf die Gewässeroberfläche: Bei der Blutroten Heidelibelle können Sie manchmal die winzigen Eier am Uferrand entdecken, wo sie nach dem Abwerfen liegen bleiben.
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