Die Imago - Die erwachsene Libelle

Ausgewachsenes Männchen der Gebänderten Prachtlibelle
Ausgewachsenes Männchen der Gebänderten Prachtlibelle - Eine Imago in voller Farbenpracht.

Nach dem Aushärten der Flügel startet die junge Libelle zu ihrem ersten Flug - dem Jungfernflug. Er führt sie weg vom Geburtsgewässer, damit die Libelle in Ruhe reifen kann. Würde sie am Gewässer bleiben, wäre ein Weibchen sofort von Männchen zur Paarung aufgegriffen, ein Männchen würde als Konkurrent vertrieben werden.

Die Reifungsphase

Deshalb fliegen frisch geschlüpfte Tiere vom Gewässer in die nähere oder weitere Umgebung ab. Aus diesem Grund sieht man manchmal Libellen an Orten, an denen man sie überhaupt nicht vermutet hätte - manchmal mehrere Kilometer vom nächsten Gewässer entfernt.

Hier, weit weg vom Schlupfort, wo der innerartliche Druck viel geringer ist, kann die Libelle reifen:

  • Die Farben prägen sich endgültig aus
  • Der gesamte Körper härtet weiter
  • Die Geschlechtsorgane entwickeln sich vollständig

Diese Reifungsphase dauert je nach Art unterschiedlich lange: wenige Tage bei Kleinlibellen bis zu zwei bis drei Wochen bei Großlibellen. In dieser Zeit können Libellen auch neue Gebiete erschließen - neu angelegte Teiche, Gewässer in Kiesgruben oder renaturierte Bachläufe.

Revierverhalten und Paarungszeit

Nach der Reifung zieht es die Libelle zurück an ihr Schlupfgewässer - oder sie verbleibt an einem neu besiedelten Gewässer. Die Männchen besetzen nun Reviere unterschiedlicher Größe:

  • Kleinlibellen: Wenige Quadratdezimeter
  • Großlibellen: Bis zu 50 Meter Uferlänge

Die besten Reviere halten die stärksten Männchen. Sie patrouillieren auf und ab, vertreiben Rivalen und warten auf Weibchen. Sobald sich ein Weibchen blicken lässt, wird es ergriffen und zur Paarung aufgefordert. Nur die Männchen der Prachtlibellen werben mit ihren Flügeln um die Gunst der Weibchen - sie balzen.

Lebenserwartung

Mit dem Ende der Paarungsbereitschaft ist auch die biologische Uhr der Tiere abgelaufen. Sie haben ihre Aufgabe - die Vermehrung und Sicherung der Art - erfüllt. Die Lebenserwartung als fliegendes Insekt beträgt nur:

  • Kleinlibellen: 1-2 Wochen
  • Großlibellen: 6-8 Wochen

Diese Zeit ist oft sehr viel kürzer als die Larvenperiode. Die Gestreifte Quelljungfer etwa entwickelt sich bis zu 5 Jahre als Larve, lebt aber nur etwa 7 Wochen als Imago.

Die Ausnahme: Winterlibellen

Die Gemeine Winterlibelle (Sympecma fusca) und ihre seltene Schwesterart überwintern als Imago und leben bis zu 11 Monate. Die meiste Zeit verbringen sie im Ruhezustand, versteckt an windgeschützten, sonnigen Stellen.

Temperaturregulation

Wie alle Insekten sind Libellen kaltblütig - sie passen ihre Körpertemperatur der Umgebungstemperatur an. Morgens sieht man oft Libellen, die vom Tau bedeckt regungslos an Pflanzenstängeln sitzen. Ihre Körpertemperatur ist zu niedrig, die Muskeln können nicht bewegt werden.

Erst mit zunehmender Temperatur erwärmt sich die Libelle. Bei Großlibellen kann man beobachten, wie sie mit Flügelzittern den Aufwärmprozess aktiv unterstützen.

Die Obeliskstellung

Bei zu großer Hitze nimmt die Libelle die Obeliskstellung ein: Sie streckt ihren Hinterleib soweit in die Höhe und der Sonne entgegen, dass ihr Schatten minimal wird. So ist der Körper möglichst wenig direkter Sonnenstrahlung ausgesetzt. Diese Haltung habe ich besonders bei der Blutroten Heidelibelle in der heißen Nachmittagssonne beobachtet.

Geschlechtsdimorphismus

Besonders bei Großlibellen unterscheiden sich Männchen und Weibchen stark in der Färbung:

  • Männchen: Meist bunter gefärbt
  • Weibchen: Eher gedeckte, braune Töne

Bei einigen Kleinlibellenarten, besonders bei Binsenjungfern (Lestes), sind die Geschlechter gleich gefärbt - die Unterscheidung aus der Ferne ist dann schwierig.

Das Phänomen des Libellenzuges

Manchmal kommt es zu Massenentwicklungen von Larven, die in einen Massenschlupf münden können. Dies wird als Ursache für das seltene Phänomen des Libellenzuges angesehen. Die Schwärme erreichen mitunter riesige Ausmaße - im 19. Jahrhundert wurde ein Schwarm mit geschätzten 2,5 Millionen Tieren beobachtet.

Der Vierfleck (Libellula quadrimaculata) wird in fast allen Berichten über Massenzüge erwähnt.

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