Gemeine Weidenjungfer
Lestes viridis (Vander Linden, 1825)
Auch bekannt als: Große Binsenjungfer, Weidenjungfer | Syn.: Chalcolestes viridis
Die Gemeine Weidenjungfer ist eine der faszinierendsten Kleinlibellen unserer Gewässer - und das nicht nur wegen ihrer metallisch-grünen Schönheit. Was sie wirklich besonders macht, ist ihr einzigartiges Fortpflanzungsverhalten: Als einzige heimische Libelle legt sie ihre Eier in die Rinde von Weiden und anderen Weichhölzern. Die dabei entstehenden "Warzen" in der Baumrinde sind für mich immer wieder ein spannendes Zeichen vergangener Libellensommer.
Kurzsteckbrief
| Größe | 39-48 mm Körperlänge |
|---|---|
| Flugzeit | Juli bis November |
| Unterordnung | Kleinlibellen (Zygoptera) |
| Familie | Binsenjungfern (Lestidae) |
| Gefährdung Deutschland | Nicht gefährdet (LC) |
| Gefährdung Österreich | Nicht gefährdet (LC) |
| Gefährdung Schweiz | Nicht gefährdet (LC) |
Namensherkunft
Der Name "Weidenjungfer" verweist auf die bevorzugten Eiablagepflanzen - Weiden und andere Weichhölzer. "Gemeine" bedeutet hier "häufig" und grenzt die Art von anderen Vertretern der Gattung ab.
Der wissenschaftliche Gattungsname Lestes stammt aus dem Griechischen und bedeutet "Räuber". Der Artname viridis kommt vom Lateinischen und bedeutet "grün" - ein Verweis auf die metallisch-grüne Körperfärbung.
Zur Systematik
Noch vor wenigen Jahren wurde diese Art aufgrund einiger morphologischer Unterschiede der Gattung Chalcolestes zugeordnet. Neuere Untersuchungen zeigen jedoch, dass sie zu viele Gemeinsamkeiten mit anderen Mitgliedern der Gattung Lestes aufweist. Der Name Chalcolestes viridis ist in mancher Literatur noch zu finden, hat sich aber nicht abschließend durchgesetzt.
Aussehen und Bestimmung
Die Gemeine Weidenjungfer ist eine größere Binsenjungfer mit der gattungstypischen metallisch-grünen Körperfärbung. Der Hinterkopf ist gänzlich dunkel metallisch grün - ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zu Arten mit gelbem Hinterkopf.
Das auffälligste Bestimmungsmerkmal ist das weiße bis hellbraune Flügelmal (Pterostigma). Bei allen anderen Binsenjungfern ist das Flügelmal schwarz bis schwarzbraun gefärbt. Außerdem besitzen die Männchen sehr kurze untere Hinterleibsanhänge, und der Hinterleib ist nie blau bereift - bei anderen Arten kann die Bereifung im Alter einsetzen.
Die Weibchen besitzen einen sehr starken Legebohrer, der zum Einstechen in die Baumrinde benötigt wird.
Lebensraum
In Mitteleuropa besiedelt die Gemeine Weidenjungfer vor allem stehende Gewässer, in wärmeren Gebieten trifft man sie aber auch an fließenden Gewässern. Das entscheidende Kriterium für die Besiedlung ist das Vorhandensein von Weichholzbäumen (Weiden, Erlen usw.) als Ufergehölz - diese dienen als Eiablagesubstrat.
Da die Gemeine Weidenjungfer hauptsächlich in den Baumkronen nächtigt und jagt, sollten in der Nähe größere Baumgruppen oder Wälder vorhanden sein. Dies macht sie zu einer Art, die gut mit strukturreichen Landschaften zurechtkommt.
Verbreitung
Die Gemeine Weidenjungfer ist ein west- und mitteleuropäisches Faunenelement. Sie fehlt in Nord- und Osteuropa sowie in Großbritannien.
In Deutschland ist sie in allen Regionen verbreitet und stellenweise häufig.
In Österreich ist sie ebenfalls in ganz Land verbreitet und oft häufig.
In der Schweiz fehlt sie nur im Engadin, ansonsten ist sie weit verbreitet.
Verhalten und Lebensweise
Larvenentwicklung
Aus den Eiern, die in der Rinde überwintern, schlüpfen ab Ende März die Larven. Sie zwängen sich aus den Einstichkanälen und lassen sich einfach nach unten fallen. Im Idealfall landen sie dabei im Wasser. Falls sie auf festen Boden fallen, können sie hüpfend und springend das Wasser erreichen - ein bemerkenswertes Verhalten.
Die Larven sind sehr aggressiv und schrecken auch vor Kannibalismus nicht zurück. Sie entwickeln sich innerhalb von etwa 3 Monaten. Der Schlupf erfolgt ab Mitte Juni, meist an Halmen in einigen Dezimetern Höhe, aber auch an Steinen oder Brückenwänden - manchmal sogar in Höhen bis 1,50 Meter.
Reifung und Jagd
Zur Reifung und Jagd fliegen die jungen Libellen in die Baumwipfel umliegender Bäume. Dort verbringen sie den Großteil ihres Lebens. Zur Paarungszeit kehren sie an das Gewässer zurück.
Paarungsverhalten
Die Männchen besetzen zum Wasser gerichtete Zweige der Uferbäume, wobei der Baum von oben nach unten besetzt wird. Später erscheinen die Weibchen, die zuerst von den oben sitzenden Männchen erkannt und zur Paarung aufgefordert werden. Die Paarung kann bis zu einer halben Stunde dauern.
Das besondere Eiablageverhalten
Nach der Paarung fliegt das Paar in Tandemstellung zu einem Zweig eines Weichholzbaumes. Offensichtlich lassen sich die Paare von anderen leiten, denn oft beobachtet man auf kleinstem Raum viele Paare bei der Eiablage.
Zur Eiablage biegt das Weibchen seinen Hinterleib so weit nach vorn, dass sich das Hinterleibsende mit dem Legebohrer zwischen ihren Beinen befindet. Dann sticht sie Löcher in die Rinde, legt etwa drei Eier hinein und bohrt etwa 1 Zentimeter tiefer eine neue "Eiloge".
Nachdem sich die Eier entwickelt haben, kann man die Einstichstellen als charakteristische "Warzen" in der Rinde erkennen. Da sich diese auch nach dem Schlupf nicht zurückbilden, kann man oft noch Jahre später solche verletzten Äste an Bäumen bemerken - ein sicheres Zeichen für frühere Weidenjungfer-Vorkommen.
Lebenserwartung
Die Tiere der Gemeinen Weidenjungfer werden bis zu 77 Tage alt.
Ähnliche Arten
Die Mitglieder der Gattung Binsenjungfern ähneln einander. Von der Kleinen Binsenjungfer und der Südlichen Binsenjungfer unterscheidet sich die Gemeine Weidenjungfer durch den gänzlich dunkelgrünen Hinterkopf (bei jenen Arten ist er gelb abgesetzt).
Von den anderen dunkelköpfigen Binsenjungfern (Gemeine Binsenjungfer, Glänzende Binsenjungfer) unterscheidet sie sich durch das helle Flügelmal - bei den anderen Arten ist es schwarz bis schwarzbraun.
Gefährdung und Schutz
Die Gemeine Weidenjungfer ist in allen drei deutschsprachigen Ländern nicht gefährdet. Sie profitiert von strukturreichen Gewässern mit Ufergehölzen und kommt auch an künstlichen Gewässern wie Parkteichen gut zurecht.
Wenn Sie die Art in Ihrem Garten ansiedeln möchten, pflanzen Sie Weiden oder Erlen in Wassernähe. Wichtig ist auch, dass größere Bäume in der Umgebung als Jagd- und Ruhehabitat vorhanden sind.
Beobachtungstipps
Die Gemeine Weidenjungfer ist eine der am längsten fliegenden Libellenarten - manchmal ist sie noch im November zu sehen. Suchen Sie zwischen August und Oktober Gewässer mit Weiden- oder Erlenbestand auf.
Besonders eindrucksvoll ist die Beobachtung der Eiablage: Achten Sie auf Paare, die an überhängenden Zweigen sitzen und gemeinsam "arbeiten". Mit etwas Geduld können Sie beobachten, wie das Weibchen ihren Legebohrer in die Rinde bohrt.
Im Winter und Frühjahr können Sie die charakteristischen "Eilogen-Warzen" an Weidenzweigen suchen - ein spannendes Zeichen vergangener Libellensommer und ein Versprechen auf kommende.