Kleine Binsenjungfer
Lestes virens (Charpentier, 1825)
Die Kleine Binsenjungfer ist, wie ihr Name verrät, die kleinste Vertreterin der Binsenjungfern in Deutschland. Diese zierliche Kleinlibelle mit dem metallisch grünen Körper ist eine typische Art der Hochsommerzeit und gehört zu den selteneren Libellenarten unserer Heimat. In meinen Jahrzehnten als Libellenbeobachter habe ich sie immer wieder an vermoorten Gewässern entdeckt - stets ein Zeichen für einen naturnahen Lebensraum.
Kurzsteckbrief
| Größe | 30-39 mm Körperlänge |
|---|---|
| Flugzeit | Juli bis Oktober |
| Unterordnung | Kleinlibellen (Zygoptera) |
| Familie | Binsenjungfern (Lestidae) |
| Gefährdung Deutschland | Stark gefährdet (2) |
| Gefährdung Österreich | Vom Aussterben bedroht (CR) |
| Gefährdung Schweiz | Vom Aussterben bedroht (CR) |
Namensherkunft
Der Name "Binsenjungfer" verweist auf die bevorzugten Eiablagepflanzen dieser Gattung - Binsen und ähnliche Pflanzen. "Kleine" bezeichnet treffend ihre Stellung als kleinste deutsche Binsenjungfer.
Der wissenschaftliche Gattungsname Lestes stammt aus dem Griechischen und bedeutet "Räuber" - ein Hinweis auf das räuberische Verhalten dieser Insektenjäger. Der Artname virens bedeutet "grünend" und bezieht sich auf die metallisch grüne Körperfärbung.
Aussehen und Bestimmung
Die Kleine Binsenjungfer zeigt die typische metallisch-grüne Körperfärbung der Binsenjungfern. Ein wichtiges Bestimmungsmerkmal ist der scharf gelb abgesetzte Hinterkopf - ein Merkmal, das sie mit der Südlichen Binsenjungfer (Lestes barbarus) teilt, während die anderen Arten einen gleichmäßig dunkel metallisch grünen Hinterkopf haben.
Von der Südlichen Binsenjungfer unterscheidet sich die Kleine Binsenjungfer durch das Flügelmal: Es ist bei unserer Art bräunlich und wird an den Schmalseiten von hellen Adern begrenzt. Bei der Südlichen Binsenjungfer ist das Flügelmal hingegen zweifarbig - zum Körper hin braun und nach außen hin gelblich-weiß.
Unterarten
In Mitteleuropa kommt die Unterart Lestes virens vestalis vor. Im südlichen Westeuropa lebt L. v. virens, in Asien L. v. marikovskii.
Lebensraum
Die Kleine Binsenjungfer ist an stehende Gewässer gebunden, die über eine reiche Vegetation verfügen. Je nach Region besiedelt sie unterschiedliche Gewässertypen: Während sie im Mittelmeerraum überwiegend Tümpel, Teiche und Flachwasserseen besiedelt, zeigt sie in Deutschland eine deutliche Vorliebe für Moore oder vermoorte Tümpel und Seen.
Wichtig ist das Vorhandensein von Binsen und ähnlichen Pflanzen als Eiablagesubstrat. Ebenso müssen in der Nähe naturnahe Heiden oder Grasfluren vorhanden sein, die als Jagdhabitat dienen. Diese Ansprüche machen die Art zu einem guten Indikator für intakte Moorlandschaften.
Verbreitung
Die Kleine Binsenjungfer ist ein pontomediterranes Faunenelement. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich von der spanischen Atlantikküste bis zum Altai. Nord-Europa, Großbritannien und Nordafrika werden fast vollständig gemieden.
In Deutschland meidet sie die Nordseeküste, ansonsten kommt sie regelmäßig bis zerstreut vor, ist aber nirgends häufig.
In Österreich ist sie zerstreut vorkommend und bevorzugt tiefere Lagen. Der Schwerpunkt liegt am Neusiedler See und im Seewinkel.
In der Schweiz gibt es nur wenige Vorkommen in der Nordostschweiz, ebenfalls bevorzugt in tieferen Lagen.
Verhalten und Lebensweise
Entwicklung und Schlupf
Ab etwa Mitte April schlüpfen aus den im Vorjahr gelegten Eiern die Larven. Diese entwickeln sich innerhalb von nur 2 bis 3 Monaten, sodass der Schlupf der Imagines ab Mitte Juni beobachtet werden kann. Die Schlupfzeit erstreckt sich bis Mitte August - ungewöhnlich lang für eine Libellenart. Zum Schlupf klettern die Larven bis zu einem halben Meter an Halmen empor.
Reifung und Jagd
Nach dem Schlupf fliegen die jungen Tiere in die Umgebung des Gewässers ab. Zur Reifung und Jagd bevorzugen sie locker stehende Aufforstungen mit ausreichender Besonnung sowie etwa kniehohes Gras und anderen Bewuchs.
Paarung und Eiablage
Mit der Geschlechtsreife wandern die Tiere wieder zum Wasser. Die Männchen erwarten die Weibchen bereits 5 bis 10 Meter vor dem Ufer. Sich nähernde Weibchen werden sofort ergriffen und zur Paarung aufgefordert. Manchmal kommen die Partner aber auch bereits im Tandem zum Wasser geflogen.
Nach der etwa 5 bis 20 Minuten dauernden Paarung fliegen beide Tiere zum Eiablageplatz. Anfänglich legt das Weibchen mit angekoppeltem Männchen, doch bei höherer Männchendichte löst das Männchen die Verbindung recht schnell.
Lebenserwartung
Die Männchen der Kleinen Binsenjungfer können bis zu 86 Tage alt werden - für eine Kleinlibelle ein beachtliches Alter. Die Weibchen leben sogar noch etwas länger.
Ähnliche Arten
Die Mitglieder der Gattung Binsenjungfern sind einander sehr ähnlich. Die Kleine Binsenjungfer und die Südliche Binsenjungfer haben einen gelb abgesetzten Hinterkopf, während dieser bei den anderen Arten gleichmäßig dunkel metallisch grün ist.
Von der Gemeinen Binsenjungfer und der Glänzenden Binsenjungfer unterscheidet sich die Kleine Binsenjungfer neben der Kopffärbung auch durch ihre geringere Größe und die späte Flugzeit.
Gefährdung und Schutz
Die Kleine Binsenjungfer ist in allen drei deutschsprachigen Ländern stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Hauptursachen sind die Entwässerung von Mooren, die Eutrophierung von Gewässern und der Verlust extensiv genutzter Grünlandflächen in Gewässernähe.
Wenn Sie zum Schutz dieser Art beitragen möchten, unterstützen Sie Moorrenaturierungsprojekte und setzen Sie sich für den Erhalt von extensiv genutztem Feuchtgrünland ein.
Beobachtungstipps
Die Kleine Binsenjungfer ist nicht einfach zu beobachten. Suchen Sie zwischen Juli und September vermoorte Gewässer oder Teiche mit reichhaltiger Vegetation auf. Achten Sie auf die typische Ruhestellung der Binsenjungfern - mit halb geöffneten Flügeln an Halmen sitzend.
Da die Art ihre Jagdgebiete oft abseits vom Wasser hat, lohnt sich auch ein Blick in angrenzende Heideflächen oder lockere Aufforstungen. Die beste Beobachtungszeit liegt am späten Vormittag bis frühen Nachmittag an warmen, sonnigen Tagen.