Lebensraum Fließgewässer
Wenn ich an einem sonnigen Sommertag an einem naturbelassenen Bach entlangwandere, dauert es meist nicht lange, bis mir die charakteristischen Silhouetten der Prachtlibellen auffallen. Diese eleganten Flieger sind die typischen Bewohner unserer Fließgewässer – und sie zeigen mir sofort, dass der Bach in einem guten Zustand ist.
Kennzeichen des Lebensraums
Das wichtigste Merkmal fließender Gewässer ist die Strömung. Auch wenn manche Bäche zeitweise kaum fließen, bewegt sich das Wasser die meiste Zeit des Jahres. Fließgewässer können natürlichen Ursprungs sein – Bäche, Flüsse, Ströme – oder künstlich angelegt wie Gräben und Kanäle.
Die Strömung hat weitreichende Folgen für alle Bewohner: Organismen müssen sich anpassen, sonst werden sie mitgerissen und weggetragen. Dafür ist das Wasser durch die vielen Verwirbelungen meist sauerstoffreicher als in stehenden Gewässern – ein Vorteil für viele Libellenlarven.
Anforderungen an die Libellen
In stärker fließenden Gewässern suchen die Larven strömungsberuhigte Bereiche auf: zwischen Wurzeln von Bäumen und größeren Pflanzen, hinter umgestürzten Bäumen, großen Steinen oder Buhnen. In langsam fließenden Gewässern leben manche Arten aber auch direkt im Strömungsbereich.
Auch die Körperform der Larven hat sich angepasst: Die Larven, die im Strömungsbereich leben, haben einen langgestreckten, schmalen Körper. So bieten sie der Strömung weniger Angriffsfläche und können sich besser zwischen Steinen und Pflanzen festhalten.
Gefährdung der Fließgewässer
Begradigung und Verbauung
Mäandrierende, also gewundene Flüsse wurden und werden oft begradigt, ihrer Überschwemmungsgebiete beraubt und in ein enges Korsett aus Stein und Beton gezwängt. Die Folge: Die Fließgeschwindigkeit steigt, Pflanzen finden keinen Halt mehr, und auch für Libellenlarven gibt es keine Versteckmöglichkeiten mehr.
Gewässerräumung
Viele kleine Fließgewässer dienen der Entwässerung von Wiesen und Äckern. Um die Fließgeschwindigkeit hoch zu halten, werden Gräben regelmäßig „geräumt". Bei einer Totalräumung werden Uferböschung und Bett regelrecht abgefräst, sämtliche Pflanzen herausgerissen. Zurück bleibt nur nackter Boden – und tote Libellenlarven.
Erfreulicherweise setzt sich langsam ein Umdenken durch: Bei der Teilräumung werden nur Abschnitte bearbeitet, sodass Tiere und Pflanzen in den ungeräumten Bereichen überleben und von dort aus die geräumten Stellen wieder besiedeln können.
Beschattung
Gut gemeinte, aber unbedachte Baumpflanzungen an Ufern können sich negativ auswirken. Eine starke Beschattung verhindert, dass sich das Wasser ausreichend erwärmt. Ein zu dichter Gehölzriegel kann den Libellen sogar die Sicht auf das Wasser versperren – der Bach wird für sie unsichtbar, und sie finden keine Eiablageplätze.
Besser ist eine lockere Bepflanzung mit heimischen Baum- und Straucharten, zwischen denen einige Dutzend Meter Ufer unbepflanzt bleiben.
Verschmutzung
Leider gelten Fließgewässer mancherorts noch immer als Abfallgruben. Aber auch die intensive Landwirtschaft in Ufernähe führt zur Belastung: Überschüssige Düngestoffe werden mit dem Grundwasser in die Gewässer geleitet. Uferrandstreifen, auf denen nicht gedüngt wird, können dies verhindern.
Typische Arten
An naturnahen Fließgewässern können Sie folgende Arten beobachten:
Kleinlibellen
- Gebänderte Prachtlibelle (Calopteryx splendens)
- Blauflügel-Prachtlibelle (Calopteryx virgo)
- Blaue Federlibelle (Platycnemis pennipes)
- Helm-Azurjungfer (Coenagrion mercuriale)
- Frühe Adonislibelle (Pyrrhosoma nymphula)
Großlibellen
- Gemeine Keiljungfer (Gomphus vulgatissimus)
- Kleine Zangenlibelle (Onychogomphus forcipatus)
- Grüne Flussjungfer (Ophiogomphus cecilia)
- Spitzenfleck (Libellula fulva)
- Kleiner Blaupfeil (Orthetrum coerulescens)
Die Prachtlibellen sind dabei die charakteristischsten Bewohner – wenn Sie diese eleganten, metallisch schimmernden Libellen an einem Bach sehen, wissen Sie, dass das Gewässer in einem relativ guten Zustand ist.