Große Königslibelle

Anax imperator (Leach, 1815)

Weibchen der Großen Königslibelle bei der Eiablage
Weibchen der Großen Königslibelle bei der Eiablage - Sie sticht die Eier in Wasserpflanzen ein.

Die Große Königslibelle trägt ihren Namen zu Recht: Mit einer Körperlänge von bis zu 84 Millimetern ist sie die größte Libelle Mitteleuropas. Wenn dieses majestätische Insekt über einem Gewässer seine Bahnen zieht, versteht man sofort, warum der Erstbeschreiber ihr den Artnamen "imperator" - der Kaiser - verlieh. In meinen über 50 Jahren Libellenbeobachtung hat mich das Erscheinen einer Königslibelle nie gleichgültig gelassen.

Kurzsteckbrief

Größe 73-84 mm Körperlänge
Flügelspannweite ca. 100-110 mm
Flugzeit Mai bis September
Unterordnung Großlibellen (Anisoptera)
Familie Edellibellen (Aeshnidae)
Gefährdung Nicht gefährdet

Namensherkunft

Sowohl der deutsche als auch der wissenschaftliche Name betonen die imposante Erscheinung dieser Art. "Königslibelle" verweist auf ihre Größe und ihr majestätisches Auftreten. Der wissenschaftliche Gattungsname Anax stammt aus dem Griechischen und bedeutet "Herrscher" oder "König", während imperator der lateinische Titel für Kaiser ist.

Diese royale Namensgebung ist durchaus berechtigt: Die Große Königslibelle dominiert die Gewässer, an denen sie vorkommt, und vertreibt kleinere Libellenarten aus ihrem Revier.

Aussehen und Bestimmung

Männchen

Die Männchen sind unverwechselbar: Der Thorax (Brust) ist leuchtend grün gefärbt, der Hinterleib zeigt ein kräftiges Himmelblau mit einem charakteristischen schwarzen Längsband auf der Oberseite. Die Augen sind beim ausgefärbten Männchen intensiv grün-blau. Der gesamte Körperbau wirkt kräftig und robust.

Bei genauer Betrachtung fällt auf, dass der Übergang vom grünen Thorax zum blauen Abdomen recht abrupt erfolgt - ein gutes Unterscheidungsmerkmal zu ähnlichen Arten.

Weibchen

Die Weibchen sind etwas kleiner und matter gefärbt. Ihr Hinterleib ist überwiegend grünlich mit dem gleichen schwarzen Längsband. Die Grundfärbung kann von gelblich-grün bis blaugrün variieren. Auch sie besitzen den charakteristischen grünen Thorax.

Lebensraum

Die Große Königslibelle bevorzugt größere stehende Gewässer mit üppiger Ufervegetation. Seen, Weiher, große Teiche und Kiesgruben sind typische Lebensräume. Wichtig ist eine gut ausgebildete Schwimmblatt- und Röhrichtzone, die als Eiablageplatz dient.

An kleinen Gartenteichen erscheint sie seltener als die Blaugrüne Mosaikjungfer, kann aber durchaus auch dort auftauchen - besonders wenn größere Gewässer in der Umgebung vorhanden sind. Die Larven sind kräftig gebaut und gehören zu den größten Raubinsekten unserer Gewässer.

Verbreitung

Die Große Königslibelle ist in Mittel- und Südeuropa weit verbreitet. In Deutschland kommt sie vor allem in den wärmeren Regionen vor - besonders häufig im Südwesten und entlang der großen Flusstäler. Nach Norden hin wird sie seltener, erreicht aber mittlerweile auch Norddeutschland und Dänemark.

In Österreich und der Schweiz ist sie ebenfalls verbreitet, wobei sie in höheren Lagen fehlt. Die klimatische Erwärmung der letzten Jahrzehnte hat zu einer Ausbreitung nach Norden geführt - ein Phänomen, das ich bei vielen wärmeliebenden Libellenarten beobachten kann.

Verhalten

Territorialverhalten

Die Männchen der Großen Königslibelle sind ausgesprochen territorial. Sie besetzen Reviere von beachtlicher Größe - oft mehrere hundert Meter Uferlinie - und verteidigen diese energisch gegen Artgenossen und andere Großlibellen. Dabei fliegen sie unermüdlich Patrouille, manchmal stundenlang ohne Unterbrechung.

Bei Revierkämpfen zwischen zwei Männchen kommt es zu spektakulären Verfolgungsflügen, bei denen die Kontrahenten in atemberaubender Geschwindigkeit manövrieren. Der Sieger bleibt im Revier, der Verlierer muss weichen.

Jagdverhalten

Als Spitzenprädator unter den Libellen erbeutet die Große Königslibelle eine Vielzahl von Insekten. Ihr Beutespektrum reicht von Fliegen und Mücken über Schmetterlinge bis hin zu anderen Libellen - selbst mittelgroße Arten werden geschlagen. Die Jagd erfolgt meist im schnellen Flug, wobei die Beute mit den zu einem Fangkorb geformten Beinen gegriffen wird.

Interessanterweise jagen Königslibellen oft weit abseits von Gewässern. Man kann sie über Wiesen, an Waldrändern und sogar in Gärten bei der Jagd beobachten, obwohl sie zur Fortpflanzung auf Gewässer angewiesen sind.

Fortpflanzung

Die Paarung beginnt mit einem kurzen Tandemflug, bei dem das Männchen das Weibchen hinter dem Kopf mit seinen Hinterleibsanhängen greift. Die eigentliche Kopulation findet meist in der Vegetation am Ufer statt und dauert nur wenige Minuten.

Das Weibchen legt die Eier anschließend allein ab, wobei es sie mit dem Legebohrer in schwimmende Pflanzenteile wie Seerosenblätter oder Laichkraut einsticht. Während der Eiablage wird das Weibchen oft vom Männchen bewacht, das Rivalen vertreibt.

Entwicklung

Die Larvenentwicklung dauert je nach Wassertemperatur ein bis zwei Jahre. Die Larven sind gefürchtete Räuber, die neben Insektenlarven auch Kaulquappen und kleine Fische erbeuten. Sie können eine Länge von über 50 Millimetern erreichen und sind damit die größten Libellenlarven Mitteleuropas.

Ähnliche Arten

Die Große Königslibelle ist aufgrund ihrer Größe und Färbung kaum zu verwechseln. Ähnlich gefärbt, aber deutlich kleiner ist die Kleine Königslibelle (Anax parthenope), die einen braunen Sattel auf den ersten Hinterleibssegmenten trägt.

Mit etwas Übung unterscheidet man die Königslibelle auch von den Mosaikjungfern der Gattung Aeshna: Diese sind kleiner, haben ein anderes Fleckmuster auf dem Hinterleib und zeigen nicht den charakteristischen Übergang von Grün zu Blau.

Beobachtungstipps

Um die Große Königslibelle zu beobachten, empfehle ich größere Gewässer mit Schwimmblattpflanzen zwischen Juni und August. Suchen Sie einen sonnigen Platz am Ufer und beobachten Sie das Gewässer geduldig - die patroullierenden Männchen werden Ihnen früher oder später auffallen.

Besonders eindrucksvoll ist die Beobachtung der Eiablage: Die Weibchen schweben dann fast regungslos über Seerosenblättern und senken rhythmisch ihren Hinterleib ab, um die Eier einzustechen. Mit einem Fernglas können Sie dieses Schauspiel aus sicherer Entfernung verfolgen, ohne die Tiere zu stören.