Zweigestreifte Quelljungfer
Cordulegaster boltonii (Donovan, 1807)
Die Zweigestreifte Quelljungfer ist eine wahre Königin unter den heimischen Libellen - und das nicht nur wegen ihrer imposanten Größe. Mit einer Körperlänge von bis zu 85 mm ist sie die größte Libellenart Deutschlands. Wenn dieses schwarz-gelb gestreifte Prachtexemplar majestätisch an einem Waldbach patrouilliert, verstehen Sie sofort, warum die Begegnung mit einer Quelljungfer für mich nach wie vor zu den Höhepunkten eines jeden Libellensommers gehört.
Kurzsteckbrief
| Größe | 74-85 mm Körperlänge (größte heimische Libelle) |
|---|---|
| Flugzeit | Juni bis September |
| Unterordnung | Großlibellen (Anisoptera) |
| Familie | Quelljungfern (Cordulegastridae) |
| Gefährdung Deutschland | Gefährdet (3) |
| Gefährdung Österreich | Gefährdet (VU) |
| Gefährdung Schweiz | Verletzlich (VU) |
Namensherkunft
Der Name "Quelljungfer" verweist auf den bevorzugten Lebensraum dieser Libellen - quellnahe Bereiche und die Oberläufe klarer Bäche. "Zweigestreifte" bezieht sich auf die zwei gelben Querstreifen auf jedem Hinterleibssegment, die diese Art von der verwandten Gestreiften Quelljungfer unterscheiden.
Der wissenschaftliche Gattungsname Cordulegaster setzt sich aus dem Griechischen zusammen: kordyle (Keule) und gaster (Bauch) - ein Hinweis auf den keulenförmig verdickten Hinterleib. Der Artname boltonii ehrt den englischen Naturforscher James Bolton (1750-1799).
Aussehen und Bestimmung
Die Zweigestreifte Quelljungfer ist durch ihre Größe und die auffällige schwarz-gelbe Zeichnung kaum zu verwechseln. Der schwarze Körper trägt leuchtend gelbe Streifen - auf jedem Hinterleibssegment befinden sich zwei deutlich getrennte Querstreifen.
Ein wichtiges Merkmal der Familie Quelljungfern ist, dass sich die großen Komplexaugen an nur einem Punkt berühren. Bei den meisten anderen Großlibellen stoßen die Augen in breiter Front zusammen, bei Flussjungfern (Gomphidae) sind sie deutlich getrennt.
Die Weibchen besitzen einen auffällig langen Legebohrer, der am Ende des Hinterleibs wie ein Dorn hervorsteht. Mit diesem Werkzeug werden die Eier in das Bachsediment gestochen.
Lebensraum
Die Zweigestreifte Quelljungfer ist eine typische Art klarer, kühler und meist beschatteter Fließgewässer. Sie besiedelt vor allem kleinere Waldbäche mit sandigem oder schlammigem Grund. Die Art bevorzugt die Oberläufe und Quellbereiche, kann aber auch an größeren Bächen vorkommen, wenn diese ausreichend strukturiert sind.
Wichtig ist ein gewisser Anteil an feinem Sediment, in das die Weibchen ihre Eier ablegen können und in dem sich die Larven eingraben. Stark verbaute oder kanalisierte Gewässer werden gemieden. Auch eine gewisse Beschattung durch Ufergehölze ist förderlich, da die Art kühleres Wasser bevorzugt.
Verbreitung
Die Zweigestreifte Quelljungfer ist ein westeuropäisches Faunenelement. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich von der iberischen Halbinsel über Frankreich und die britischen Inseln bis nach Mitteleuropa.
In Deutschland ist sie vor allem in den Mittelgebirgen verbreitet. Im Norddeutschen Tiefland fehlt sie weitgehend, da dort geeignete Gewässer selten sind.
In Österreich kommt sie in den Niederungen und Voralpen vor, meidet aber die höheren Lagen der Alpen.
In der Schweiz ist sie nördlich der Alpen verbreitet, fehlt aber im Hochgebirge und südlich des Alpenhauptkamms.
Verhalten und Lebensweise
Territorialverhalten der Männchen
Die Männchen patrouillieren unermüdlich entlang ihrer Bachreviere. In niedrigem, gleichmäßigem Flug schweben sie dicht über dem Wasser, den Blick nach unten gerichtet. Dieses Patrouillieren kann stundenlang andauern, unterbrochen nur von kurzen Ruhepausen auf Ufersteinen oder niedrigen Zweigen.
Paarung
Nähert sich ein Weibchen, ergreift das Männchen es im Flug und landet mit ihm zur Paarung im Ufergebüsch. Die Kopulation dauert etwa 10-20 Minuten. Anders als bei vielen Großlibellen bewacht das Männchen das Weibchen während der Eiablage nicht.
Das spektakuläre Eiablageverhalten
Die Eiablage der Zweigestreiften Quelljungfer ist ein faszinierendes Schauspiel. Das Weibchen fliegt knapp über der Wasseroberfläche und sticht mit seinem langen Legebohrer rhythmisch in das weiche Sediment des Bachbettes. Dabei bewegt es sich langsam bachaufwärts und hinterlässt oft Hunderte von Eiern.
Die lange Larvenentwicklung
Die Larven leben eingegraben im feinen Sediment des Bachgrundes. Sie sind Lauerräuber, die mit erstaunlicher Geduld auf Beute warten. Da die kühlen Bachgewässer nur wenig Nahrung bieten, dauert die Larvalentwicklung ungewöhnlich lange - je nach Wassertemperatur und Nahrungsangebot 3 bis 5 Jahre, manchmal sogar länger.
Der Schlupf erfolgt meist in den frühen Morgenstunden an ufernahen Steinen oder Pflanzen. Die Exuvien sind aufgrund ihrer Größe leicht zu finden.
Ähnliche Arten
Die einzige Verwechslungsmöglichkeit besteht mit der Gestreiften Quelljungfer (Cordulegaster bidentata). Diese hat auf jedem Hinterleibssegment nur einen durchgehenden gelben Querstreifen, der allerdings leicht eingebuchtet sein kann. Außerdem ist die Gestreifte Quelljungfer etwas kleiner und bevorzugt noch kleinere, quellnähere Gewässer.
Von anderen Großlibellen unterscheiden sich Quelljungfern durch ihre Größe, die schwarz-gelbe Zeichnung und den Punkt, an dem sich die Augen berühren.
Gefährdung und Schutz
Die Zweigestreifte Quelljungfer ist in Deutschland als gefährdet eingestuft. Hauptursachen sind die Begradigung und Verbauung von Bächen, die Verschmutzung durch Einleitungen und der Eintrag von Feinsedimenten aus der Landwirtschaft. Auch die Entfernung von Ufergehölzen und damit verbundene Erwärmung der Gewässer kann problematisch sein.
Wenn Sie zum Schutz dieser imposanten Art beitragen möchten, setzen Sie sich für naturnahe Bachläufe ein. Schon kleine Maßnahmen wie das Belassen von Totholz oder das Schützen von Uferbereichen können helfen.
Beobachtungstipps
Die Zweigestreifte Quelljungfer ist an geeigneten Gewässern nicht schwer zu beobachten. Suchen Sie zwischen Juni und August einen naturnahen, beschatteten Waldbach auf. Die patrouillierenden Männchen sind durch ihre Größe und den gleichmäßigen Flug dicht über dem Wasser gut zu erkennen.
Mit etwas Geduld können Sie auch das faszinierende Eiablageverhalten beobachten - eines der eindrucksvollsten Naturschauspiele der heimischen Insektenwelt. Achten Sie auf Weibchen, die rhythmisch ins Wasser eintauchen.
In meinen über 50 Jahren als Libellenbeobachter hat mich keine Art so beeindruckt wie diese majestätische Quelljungfer.